{"id":103,"date":"2022-10-14T08:35:48","date_gmt":"2022-10-14T08:35:48","guid":{"rendered":"https:\/\/beartmazed.online\/?p=103"},"modified":"2022-10-14T08:35:48","modified_gmt":"2022-10-14T08:35:48","slug":"103","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/beartmazed.com\/en\/103\/","title":{"rendered":"Prime Cut aus dem Anthropoz\u00e4n"},"content":{"rendered":"<p id=\"viewer-vm0u\" class=\"mm8Nw _1j-51 roLFQS _1FoOD _3M0Fe Z63qyL roLFQS public-DraftStyleDefault-block-depth0 fixed-tab-size public-DraftStyleDefault-text-ltr\"><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Das rohe Steak schimmert in saftigem Dunkelrot. Sorgf\u00e4ltig tr\u00e4gt Matthias Mross die Farbe mit senkrecht gestelltem Pinsel auf. Mit den kompakten Tupfern bildet er die Enden der sauber gekappten Muskelfasern nach. Man m\u00f6chte es anfassen, dieses k\u00fchle, frische St\u00fcck Fleisch, seine weiche Elastizit\u00e4t f\u00fchlen. F\u00fcr die Marmorierung zieht Mross feine Wei\u00df\u00e4derchen ein. Das Fettgewebe spachtelt er mit verschiedenen Wei\u00dft\u00f6nen dick \u00fcbereinander, bis es schmelzig gl\u00e4nzt. Die markanten Fettkerne klassifizieren das Steak als pr\u00e4chtiges Rib-Eye.<\/span><\/p>\n<p id=\"viewer-5o9re\" class=\"mm8Nw _1j-51 roLFQS _1FoOD _3M0Fe Z63qyL roLFQS public-DraftStyleDefault-block-depth0 fixed-tab-size public-DraftStyleDefault-text-ltr\"><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Stattliche dreieinhalb Quadratmeter misst die Auftragsarbeit. Farbsatt h\u00e4ngt sie im <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Speiseraum des Langen Hauses der Stiftung Kunst und Natur. Mross scheint die gewaltige, vornehm neutral riechende Fleischscheibe direkt aus unserer Alltagswelt geschnitten zu haben. Schon die Dimension bekundet den Fleischhunger unserer Gesellschaft. Statt \u00bbAnthropoz\u00e4n\u00ab k\u00f6nnte auch der Begriff \u00bbRinderzeit\u00ab das aktuelle Erdzeitalter beschreiben. Denn unsere Lust auf Rindfleisch ist gewaltig. Von den 60 Kilogramm Fleisch, die wir statistisch im Jahr essen, sind rund sieben Kilogramm Rind. Unser Appetit auf Steak &amp; Co. \u00fcberformt die Erde massiv. Enorme Fl\u00e4chen f\u00fcr Weidehaltung und Futteranbau werden <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">ge- und verbraucht. Schon heute bearbeiten wir Dreiviertel der gesamten Agrarfl\u00e4che <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">unseres Planeten f\u00fcr Tierhaltung. Und die Weltbev\u00f6lkerung w\u00e4chst: Bis zum Jahr 2050 um <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">30%. Und mit ihr w\u00e4chst das Verlangen nach Fleisch. Allein die Vorstellung eines solch <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">immensen Fleischbedarfs wirkt beklemmend.<\/span><\/p>\n<p id=\"viewer-7ehto\" class=\"mm8Nw _1j-51 roLFQS _1FoOD _3M0Fe Z63qyL roLFQS public-DraftStyleDefault-block-depth0 fixed-tab-size public-DraftStyleDefault-text-ltr\"><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Ein ganz \u00e4hnliches Unbehagen beschleicht uns, je l\u00e4nger wir vor Mross\u2018 monumentalem <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Fleischst\u00fcck ausharren. \u00dcberw\u00e4ltigt schwanken wir zwischen Faszination und einem sich <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">langsam ausbreitendem Ekel. Wir sind begeistert von der genussversprechenden <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Fleischqualit\u00e4t und vom gro\u00dfen malerischen K\u00f6nnen, mit dem Mross uns einen solchen <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Prime Cut in radikaler Nahsicht pr\u00e4sentiert.<\/span><\/p>\n<p id=\"viewer-b38al\" class=\"mm8Nw _1j-51 roLFQS _1FoOD _3M0Fe Z63qyL roLFQS public-DraftStyleDefault-block-depth0 fixed-tab-size public-DraftStyleDefault-text-ltr\"><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Zunehmendes Unbehagen bereitet uns neben der erdr\u00fcckenden Gr\u00f6\u00dfe des Fleischst\u00fccks die Masse des eingeschlossenen Fettgewebes. Schwellend und glibbernd schiebt es sich zu <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">gro\u00dfen Klumpen zusammen. Sie bilden bei l\u00e4ngerem Hinschauen ein gro\u00dfes Prozent-<\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Zeichen.<\/span><\/p>\n<figure style=\"width: 1480px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static.wixstatic.com\/media\/c4a547_01f117afd92d4ef0b8fa855eb976d0d5~mv2.png\/v1\/fill\/w_1480,h_1460,al_c,q_95,usm_0.66_1.00_0.01,enc_auto\/c4a547_01f117afd92d4ef0b8fa855eb976d0d5~mv2.png\" alt=\"\" width=\"1480\" height=\"1460\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Abb.: Matthias Cross: %, 2019 (220 x 150 cm, Acryl und Spr\u00fchdose auf Leinwand). Eine Auftragsarbeit der Stiftung Nantesbuch zu den Anthropoz\u00e4n-Thementagen 2019 in Kooperation mit dem MUCA M\u00fcnchen.<\/figcaption><\/figure>\n<p id=\"viewer-dihtq\" class=\"mm8Nw _1j-51 roLFQS _1FoOD _3M0Fe Z63qyL roLFQS public-DraftStyleDefault-block-depth0 fixed-tab-size public-DraftStyleDefault-text-ltr\"><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Um den prozentualen Fettanteil im edlen St\u00fcck, den Feinschmecker mit dem <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">ber\u00fchmten \u00bbBeef Marbling Grade\u00ab angeben, geht es hier aber kaum. Vielmehr wirft Mross <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">die allgemeine Frage nach der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit auf, nach Wechselbeziehungen in <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Relation zu einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen. W\u00e4hrend seiner Arbeit an zarten Fleischfasern und <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">feinen Fettmarmorierungen h\u00f6rt Mross tagelang Podcasts zu unserem Fleischkonsum und <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">industrieller Fleischproduktion. \u00bbMassentierhaltung ist f\u00fcr bis zu 51% der von Menschen <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">erzeugten Treibhausgase verantwortlich\u00ab t\u00f6nt es durch das Studio des K\u00fcnstlers. \u00bb95% des <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">weltweit angebauten Sojas ist als Futtermittel f\u00fcr die Nutztierhaltung bestimmt\u00ab ist ein Fakt, die ebenso nachklingt wie die Aufrechnung, da\u00df \u00bbnur 50% eines Nutztieres f\u00fcr <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Fleischproduktion verwendet wird. Lediglich ein Drittel machen die \u201eedlen Teile\u201c des <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Muskelfleisches aus&#8230;\u00ab Aber f\u00fcr ein Gourmetst\u00fcck sind die von Mross gro\u00dfz\u00fcgig <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">aufgespachtelten intermuskul\u00e4ren Fettkerne viel zu dominant. Sie offenbaren einen zu <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">hohen und zu schnellen Ausm\u00e4stungsgrad und verweisen auf die Schattenseiten <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">gro\u00dfindustrieller Fleischproduktion. Das unappetitlich fette Prozent-Zeichen hat einen <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">kr\u00e4ftigen kommerziellen Beigeschmack. Denn heutzutage verweist das jahrhundertealte <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Kaufmannssymbol in den K\u00fchltheken der Superm\u00e4rkte auf Sparangebote, Rabattaktionen <\/span><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">und Tiefpreiskn\u00fcller: Hier gibt es viel Fleisch f\u00fcr wenig Geld. Billiges Fleisch beruht auf einem Raubbau von \u00f6kologischen und personellen Ressourcen. <\/span><\/p>\n<p id=\"viewer-ekc7b\" class=\"mm8Nw _1j-51 roLFQS _1FoOD _3M0Fe Z63qyL roLFQS public-DraftStyleDefault-block-depth0 fixed-tab-size public-DraftStyleDefault-text-ltr\"><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Mross\u2018 Marko-Ansicht der Fleischscheibe und der radikale Anschnitt des riesigen Prozent-Zeichen vermitteln eine hohe Dringlichkeit, eine unangenehme, weil zu gro\u00dfe N\u00e4he. Das Werk r\u00fcckt uns geh\u00f6rig auf die Pelle \u2013 die Kunst geht im sprichw\u00f6rtlichen Sinne unter die Haut. Der dabei immer wieder aufkeimende Ekel ist ein vom K\u00fcnstler wohlkalkulierter Thrill: Ins Unappetitliche oszillierende Szenarien stillen im wohlstands-sicheren, erregungsarmen Anthropoz\u00e4n-Alltag unseren Hunger nach Affekten. Eine latent ekelige, monstr\u00f6se und mit zu viel Fett durchschwabbelte Fleischscheibe fesselt da sofort unsere Aufmerksamkeit. Bewu\u00dft Hinschauen, lautet der Apell. Matthias Mross\u2018 monumentale Arbeit \u201e%\u201c ist eine virtuos gemalte Ermunterung, uns die Bedeutung zeitgem\u00e4\u00dfen Fleischgenusses nachdr\u00fccklich ins eigene Fleisch und Blut \u00fcbergehen zu lassen.<\/span><\/p>\n<p class=\"mm8Nw _1j-51 roLFQS _1FoOD _3M0Fe Z63qyL roLFQS public-DraftStyleDefault-block-depth0 fixed-tab-size public-DraftStyleDefault-text-ltr\"><span class=\"_2PHJq public-DraftStyleDefault-ltr\">Den obigen Text habe ich f\u00fcr die sehr lesenswerte Publikation NOTIZEN AUS DEM ANTHROPOZ\u00c4N der Stiftung Nantesbuch Kunst und Kultur geschrieben. Das reich illustrierte Buch mit dem eingelegten Kurz-Comic &#8222;Mahlzeit&#8220; von Thomas Gilke kann dort online bestellt werden.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das rohe Steak schimmert in saftigem Dunkelrot. Sorgf\u00e4ltig tr\u00e4gt Matthias Mross die Farbe mit senkrecht gestelltem Pinsel auf. 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